Vor nicht allzulanger Zeit hat Leander Kaiser mit anderen österreichischen
Künstlern in der römischen Galerie Il Polittico
ausgestellt, die der Idee nach eher als ein italienischer Kunstverein
anzusehen ist denn als Privatgalerie. An dem Konzept der dort
vertretenen Künstler hat der früh verstorbene 'critico
militante' Italo Mussa mitgewirkt, der der Bewegung den Namen
Pittura colta gegeben hat. Die Künstler der Pittura
colta beziehen sich formal wie inhaltlich auf das klassische
Erbe figurativer Malerei und legitimieren sich auch innerhalb
einer Entwicklungslinie der Novecentomalerei römischer Prägung.
Eine Reihe von Merkmalen teilt Leander Kaiser mit diesen Künstlern,
und seine Präsenz in diesem Rahmen war durchaus gerechtfertigt.
Jenseits der im allgemeinen symbolisch oder literarisch deutbaren
Szenen seiner Kunst, die auch ganz archetypischen Charakter besitzen
und von Zeit- und Ortlosigkeit bestimmt sind, den Darstellungen
der Ausgesetztseins, der liebenden Vereinigung, des Schlafs wie
der Erwartung, von Streit wie häuslicher Harmonie, sind es
vor allem ganz bestimmte Stimmungen, bei denen die Bilderzählungen
zum Stillstand kommt und Farb- wie Formerfahrungen der alten Kunst
sich in der Malerei spiegeln. Diese Erfahrung lassen sich nur
bei Kaisers Bildern machen - das Aufleuchten eines weissen Seidenkleides,
das von Tiepolo entlehnt scheint, oder das Rot eines pompejanischen
Freskos in einem trotz der Figuration abstrakt wirkenden Bild.
Es tritt weniger ein Wiedererkennen als eine Ahnung der Erinnerung
ein, eine Ahnung, die jedoch die Eigentümlichkeit dieser
Bilder verstärkt.
Peter Weiermair, 2002
Direttore, Galleria d'Arte Moderna, Bologna