"Jeden
Tag, wenn ich aufwache, mache ich Kaffee, dann
notiere ich Zeit, Datum und die Temperatur. Was
wird in den Nachrichten erscheinen? Was wird
die Wettervorhersage bringen? Werden wir wieder
einen Rekord brechen? Der Wetterwechsel ist etwas
konstantes; so sehr er mich manchmal aufheitert,
so sehr kann er mich auch quälen. Der Wetterbericht
kann deinen Tag bestimmen. Bedrückend, nicht?"
Die kanadische Künstlerin Tania Kitchell studierte
in Paris Kunst und führt seit ihrer Rückkehr
nach Toronto, wo sie heute lebt, Aufzeichnungen über
das Wetter. Sie entwickelt da-durch einerseits
ein Bewusstsein darüber, wie sehr das Wetter
ihre Stimmungen und Aktivitäten in Kanada
beeinflusst, andererseits dafür, Zeit und
spezifischen Ort für ihre künstlerische
Arbeit zu bestimmen. Kitchells Tag beginnt mit
der Aufzeichnung von Zeit, Datum und Temperatur.
Zu verschiedenen Tageszeiten, wirft und wälzt
sie sich, mehr oder weniger bekleidet, im Schnee.
Das Gefühl eisiger Schneeflocken, die mit
leisem Stich auf die Haut fallen, vermitteln ihre
stillen Arbeiten auf Papier: ‚SNOW WHITE’ hat
sie mit unzähligen kleinen Nadelstichen in
weißen Karton ‚geschrieben’,
auf subtile Weise ihre Spuren in den sym-bolischen
weißen Schneemassen hinterlassen.
Kitchells Fotoserien haben performativen Charakter.
Die Arbeit mit dem Titel ‚Snow White’ besteht
aus sechs Fotos,die die Künstlerin zeigen,
wie sie sich im Schnee, leicht bekleidet, vergnügt.
Sie zeigt kein Missvergnügen an der Kälte,
während sie spielerisch, als munterer Zeitvertreib
die nüchterne Wahrheit aufrollt. Die einzelnen
Arbeiten tragen überdies Untertitel wie ‚Imagining
- Snow White’ oder ‚Knowing -it’s
Cold’. Diese Texte sind als Ergänzungen
zu lesen; so, als ob sie ihr während ihrer
Aktion eingefallen wären. In diesen Arbeiten
choreographiert die Künstlerin einen Widerstreit
zwischen unterschiedlichen Abfolgen von subjektiven
Erfahrungen: eine bildhafte und eine linguistische.
Worte und Bilder reiben sich aneinander und lassen
so eine sublime Spannung entstehen. Die scheinbar
objektive Darstellung ist emotionell aufgeladenen.
Die Szene ist eine nach innen gerichtete Psycholandschaft.
Sie stellt körperliche Heiterkeit im Schnee
dar und sucht gleichzeitig nach einem Weg, sich
gegen die Pein zu verteidigen.
Kitchells selektive, aufs Wetter zentrierte
Wahrnehmung zeit sich auch in ihren Texten zu
Hollywood-Klassikern.
So lesen sich Alfred Hitchcocks ‚Vögel’ Kitchell: "Samstag
morgens, die Sonne scheint, ein schöner Herbsttag,
leichte Brise-Kumuluswolken über der Bucht,
möglicherweise ändert sich das Wetter.",
zu ‚Fargo’ von den Coen-Brüdern
vermerkt sie: "Morgen, Landschaft erscheint
grell weiß, Eisflecken auf dem Highway; ‚es
ist kalt’, sagt der Beamte zu Margie." Grita Insam (nach einem Text von Marnie Fleming
und einem Gespräch mit der Künstlerin,
im Juli 2001), in: Ausst.-Kat. ‚Reisen
ins Ich. Künstler / Selbst/ Bild’,
Klosterneuburg 2001 |