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Tania Kitchell


  GALERIE GRITA INSAM
 

 

 




Stable Conditions, 2001
 

 

"Jeden Tag, wenn ich aufwache, mache ich Kaffee, dann notiere ich Zeit, Datum und die Temperatur. Was wird in den Nachrichten erscheinen? Was wird die Wettervorhersage bringen? Werden wir wieder einen Rekord brechen? Der Wetterwechsel ist etwas konstantes; so sehr er mich manchmal aufheitert, so sehr kann er mich auch quälen. Der Wetterbericht kann deinen Tag bestimmen. Bedrückend, nicht?"

Die kanadische Künstlerin Tania Kitchell studierte in Paris Kunst und führt seit ihrer Rückkehr nach Toronto, wo sie heute lebt, Aufzeichnungen über das Wetter. Sie entwickelt da-durch einerseits ein Bewusstsein darüber, wie sehr das Wetter ihre Stimmungen und Aktivitäten in Kanada beeinflusst, andererseits dafür, Zeit und spezifischen Ort für ihre künstlerische Arbeit zu bestimmen. Kitchells Tag beginnt mit der Aufzeichnung von Zeit, Datum und Temperatur. Zu verschiedenen Tageszeiten, wirft und wälzt sie sich, mehr oder weniger bekleidet, im Schnee. Das Gefühl eisiger Schneeflocken, die mit leisem Stich auf die Haut fallen, vermitteln ihre stillen Arbeiten auf Papier: ‚SNOW WHITE’ hat sie mit unzähligen kleinen Nadelstichen in weißen Karton ‚geschrieben’, auf subtile Weise ihre Spuren in den sym-bolischen weißen Schneemassen hinterlassen.

Kitchells Fotoserien haben performativen Charakter. Die Arbeit mit dem Titel ‚Snow White’ besteht aus sechs Fotos,die die Künstlerin zeigen, wie sie sich im Schnee, leicht bekleidet, vergnügt. Sie zeigt kein Missvergnügen an der Kälte, während sie spielerisch, als munterer Zeitvertreib die nüchterne Wahrheit aufrollt. Die einzelnen Arbeiten tragen überdies Untertitel wie ‚Imagining - Snow White’ oder ‚Knowing -it’s Cold’. Diese Texte sind als Ergänzungen zu lesen; so, als ob sie ihr während ihrer Aktion eingefallen wären. In diesen Arbeiten choreographiert die Künstlerin einen Widerstreit zwischen unterschiedlichen Abfolgen von subjektiven Erfahrungen: eine bildhafte und eine linguistische. Worte und Bilder reiben sich aneinander und lassen so eine sublime Spannung entstehen. Die scheinbar objektive Darstellung ist emotionell aufgeladenen. Die Szene ist eine nach innen gerichtete Psycholandschaft. Sie stellt körperliche Heiterkeit im Schnee dar und sucht gleichzeitig nach einem Weg, sich gegen die Pein zu verteidigen.

Kitchells selektive, aufs Wetter zentrierte Wahrnehmung zeit sich auch in ihren Texten zu Hollywood-Klassikern. So lesen sich Alfred Hitchcocks ‚Vögel’ Kitchell: "Samstag morgens, die Sonne scheint, ein schöner Herbsttag, leichte Brise-Kumuluswolken über der Bucht, möglicherweise ändert sich das Wetter.", zu ‚Fargo’ von den Coen-Brüdern vermerkt sie: "Morgen, Landschaft erscheint grell weiß, Eisflecken auf dem Highway; ‚es ist kalt’, sagt der Beamte zu Margie."

Grita Insam (nach einem Text von Marnie Fleming und einem Gespräch mit der Künstlerin, im Juli 2001), in: Ausst.-Kat. ‚Reisen ins Ich. Künstler / Selbst/ Bild’, Klosterneuburg 2001