In den Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien und Videos von Ulrike Lienbacher stellt der Körper als Träger einer individuellen und soziokulturellen Geschichte ein zentrales Motiv dar. „Im Umgang mit dem Körper“, sagt sie, „zeigen sich die Wertigkeiten einer Gesellschaft. Der Diskurs über Hygiene und Gesundheit, der Umgang mit Schmutz und Sauberkeit, der Fitnesskult oder die Wellnesswelle, die über die Tourismusindustrie Europas geschwappt sind, sind Bezugspunkte, die ich in diesem Zusammenhang interessant finde. Reinheit ist Ordnung, Schmutz wird mit Unordnung und Bedrohung assoziiert, es sind gesellschaftliche Normen, die für den Einzelnen vorgeben, was als wertvoll und was als minderwertig angesehen wird.“
In Lienbachers subtilen, immer auch erotischen Zeichnungen gibt es eine Art Nachvollzug des Beschmutzens und Reinigens – die Handlungen der oftmals fragmentierten weiblichen Figuren haben etwas Zwanghaftes. Lienbacher versucht in ihren Arbeiten eine Balance zwischen klaren inhaltlichen Festlegungen und einer Offenheit zu halten. Die Wandinstallationen, die aus zahlreichen Zeichnungen bestehen, einmal dicht gehängt, Zeichnung an Zeichnung grenzend, ein anderes Mal in einer etwas aufgelockerten Anordnung, fördern dieses assoziative Weiterdenken.
Zusätzliche Aspekte finden sich in ihren neuesten, teilweise für diese Ausstellung eigens produzierten Arbeiten, nämlich Leistungsdenken, Disziplin und (Selbst-)Kontrolle, die vor allem im Sport, aber auch im Spiel ihre Ausformungen finden. Ulrike Lienbacher spricht von dem „ambivalenten Gefühl, eine gewisse Lust daran zu haben, eine ‚Leistung’ zu erbringen, zu funktionieren, aber zugleich auch gewisse Erlösungs- und Loslösungsphantasien zu haben. Auch geht es um den Aspekt, dass hinter Dingen, die leicht und natürlich wirken, große Anstrengung und Übung steckt – so eine Art Überlisten der Materie“, wie z.B. in den Videos Will I+II (2006), in denen der Protagonist einen Hula Hoop-Reifen schwingt.
Ulrike Lienbacher widmet sich ihren Themen mit unterschiedlichen künstlerischen Mitteln. Sie zeigt in der Galerie im Taxispalais verschiedene Werkgruppen, vornehmlich ganz neue Arbeiten: Zwei skulpturale Installationen, eine Fotoserie, zwei Videos sowie Serien ihrer subtil-erotischen Zeichnungen von weiblichen Figuren.
Die Wand- und Bodeninstallation Hula Hoop (2005) wird aus 30 Reifen gebildet, die das bekannte Turn- und Spielgerät in einer körperbezogenen Verfremdung und Verdichtung zitieren.
Lienbachers neueste Arbeit o.T. (2006) besteht aus 50 mundgeblasenen, kugelähnlichen Objekten, ein „fragiles gläsernes Gefängnis für den Atem“ (Lienbacher), deren unterschiedliche Größe einen Hinweis auf die jeweilige Lungenkapazität der ProduzentInnen, auf deren „Leistungskörper“, gibt.
Die Fotoserie Portraits (2006) zeigt junge Sportler und Sportlerinnen, die während des Trainings in einem Moment zwischen Erschöpfung und Erleichterung aufgenommen wurden. Die Gesichter zeigen diese Anstrengung, einmal mehr, einmal weniger. Lienbacher interessiert dabei das „Moment der Erschöpfung“, aber auch der „Erregung“ oder „Erhitzung“, „irgendwie auch des etwas ‚Außer sich Seins’“.
Was Lienbachers handwerklich hochpräzise Arbeiten durchgängig kennzeichnet, ist ein Zustand von Fragilität, und dies sowohl in einem materiellen wie auch inhaltlichen Sinn.
Es gelingt der Künstlerin, ihre Werke gleichzeitig von Zwanghaftigkeit und von spielerischer Leichtigkeit handeln zu lassen.
Ulrike Lienbacher wurde 1963 in Oberndorf / Salzburg geboren. Sie lebt und arbeitet in Salzburg und Wien.