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Jasmila Zbanic

After, After. Red Rubber Boots. Images From the Corner

Pierre Bourdieu

In Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung.

 GALERIE IM TAXISPALAIS
 09.09. - 16.10.2005

 

Vernissage: am Donnerstag, den 08. September 2005, um 19:00 Uhr


Jasmila Zbanic

Jasmila Zbanic gehört zu jener bedeutenden Gruppe von FilmemacherInnen, die, als sie ganz jung waren und an der Akademie für Szenische Kunst in Sarajevo studierten, den Krieg gegen Bosnien-Herzegovina und ganz speziell gegen die Hauptstadt Sarajevo miterlebten und noch während des Krieges damit begannen, Filme zu machen.

Der institutionelle Rahmen, in dem Jasmila Zbanic ihre Filme zeigt, sind Ausstellungen oder Projekte mit zeitgenössischer Kunst und weniger das Kino. Der konzeptuelle Zugang bei Zbanic ist dokumentarisch und beruht auf umfassender Recherche. Ihr Thema ist der Krieg in Bosnien, der für die Filmemacherin und die Bevölkerung ganz allgemein nicht damit vorbei war, dass die Kämpfe und Angriffe auf die Zivilbevölkerung, die von 1992 bis 1995 dauerten, ein Ende hatten. Zbanic geht den Folgen des Krieges nach und zeigt an einzelnen Schicksalen, welche furchtbaren Folgen diese Geschehnisse bei den Menschen nach sich gezogen haben.

Im Rahmen der Ausstellungsprojekts in der Galerie im Taxispalais zeigt Jasmila Zbanic drei Filme: After, After (1997, Video, 16min), Red Rubber Boots (2000, 18min) und Images From the Corner (2003, 45min).

In After, After geht es um die Kriegstraumatisierung von Kindern in Sarajevo. Der Dokumentarfilm basiert auf der Frage „Wovor hast du Angst?“, die eine Psychologin Schulkindern stellt. Die Antworten zeigen, dass die Kinder auf grausame Weise psychische Verletzungen erlitten haben. Im Fall der siebenjährigen Balma, die Zbanic in den Mittelpunkt ihres Filmes stellt, führte der Schrecken des Erlebten zu fast gänzlicher Verstummung. Zbanic gelingt es, dem kleinen Mädchen eine Stimme zu verleihen und in knappen Szenen die Dimension der Tragik ihres kurze Lebens sichtbar zu machen.

In Red Rubber Boots geht um die Suche einer Mutter, Jasna P., nach den sterblichen Überresten ihrer zwei Kinder, Amar (4 Jahre) und Ajla (9 Monate). Die Kinder wurden von der serbischen Armee während des Bosnienkrieges entführt und getötet und vermutlich in einem Massengrab beerdigt. Mit Hilfe der Staatskommission zur Suche nach vermissten Personen überprüft Jasna P. die zugänglichen Informationen, begleitet die Suchkommission und besucht alle Massengräber in der Hoffnung, die roten Gummistiefel zu finden, die ihr Sohn trug, als er entführt wurde und aus ihrem Leben verschwand, um endlich Gewissheit über das Schicksal ihrer Kinder zu haben.

In Images From the Corner (2003) greift Zbanic die Geschichte von Bilja auf, die 1992 als Zwanzigjährige vor ihrem Wohnhaus in Sarajevo beschossen und verwundet wurde und ihren Arm verlor. Ein bekannter französischer Fotograf machte Aufnahmen von ihr, während sie blutete und dringend Hilfe benötigte. Er half ihr nicht, sondern fotografierte sie und wurde für das Foto berühmt. Was aber geschah mit Bilja?

Die filmischen Mittel und die filmische Sprache, die die Arbeiten von Jasmila Zbanic kenn-zeichnen, sind nicht nur durch das Medium Film geprägt, sondern auch durch ihre Arbeit mit Puppen- und Straßentheater sowie ihre literarische Tätigkeit; Zbanic schreibt neben ihren Drehbüchern auch Geschichten und Texte für das Theater.

Jasmila Zbanic wurde 1974 in Sarajevo geboren, wo sie auch lebt.

Publikationen: Das Kind, die Frau, der Soldat, die Stadt; eine Sammlung von bosnisch-herzegowinischen Kurzgeschichten; Es gibt keinen Börek mehr, ein Theatertext; beide
sind im Drava Verlag, Deutschland erschienen.

 

Mit Unterstützung von KulturKontakt Austria
Dank an Annemarie Türk

 

Pierre Bourdieu

Der Austausch zwischen Camera Austria und dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu über die vergangenen Jahre mündete in ein weit reichendes Projekt: Pierre Bourdieu hat Franz Schultheis und Camera Austria sein gesamtes Archiv von Fotografien, die während seiner Feldforschungsarbeiten in Algerien zwischen 1958 und 1961 entstanden sind und
sein frühestes und nach wie vor aktuelles Werk darstellen, mit dem Ziel anvertraut, diese Fotografien in einer Ausstellung und Publikation erstmals der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In Zusammenarbeit mit Pierre Bourdieu (der zu Beginn des Jahres 2002 verstorben ist) und Franz Schultheis wurden die fotografischen Dokumente gesichtet und strukturiert und zu zeitgleich in Algerien entstandenen ethnografischen und soziologischen Studien in Beziehung gesetzt. Die Ausstellung „Pierre Bourdieu: In Algerien. Zeugnisse der Entwurzelung“ wird die historischen, politischen, wissenschaftlichen, aber auch biografischen Kontexte zeigen, innerhalb derer diese Arbeiten entstanden sind.

Als im Rahmen eines Gesprächs mit Pierre Bourdieu über seine Algerien-Studien die Rede auf diese (bis dahin weit gehend unveröffentlichten) Fotografien kam, entstand aus der spontanen Neugierde bald das Projekt, diese bisher unbekannte Facette Bourdieu’scher Ethnologie zu veröffentlichen. Diese Fotografien aus Algerien stellen ja zunächst wichtiges ethnografisches Primärmaterial dar; sie dürfen also nicht losgelöst vom spezifischen Erkenntnisinteresse, das der Selektion der Motive, dem jeweiligen Blickwinkel, dem Einbezug des Kontextes und somit der Konstruktion des festzuhaltenden Gegenstandes selbst zugrunde lag, betrachtet und interpretiert werden, will man nicht die kontextspezifische gesellschaftliche Bedeutung und politische Dimension dieser Bilder ignorieren. Diese sind schon von ihren Entstehungsbedingungen her „gerahmt“ und datiert, stehen in einem klaren sozio-historischen Zusammenhang und zielen darauf ab, diesen in einer spezifischen Art und Weise zu dokumentieren bzw. in Bourdieus eigener Sprache: zu objektivieren.

Alle grundlegenden Themen der Bourdieu’schen Soziologie sind schon in diesem frühen Stadium präsent. Er fragt nach den unterschwelligen Regeln des Tauschs, nach der sozialen Einbindung des Wirtschaftens, dem Verhältnis von Zeitstrukturen und Rationalität, den symbolischen Ordnungen der Gesellschaft und Herrschaftsbeziehungen zwischen den
Geschlechtern, Generationen und sozialen Klassen: Fragen also, die auch in seinen späteren Schriften erkenntnisleitend sind. Die Fotografien werden als „Achsenwerk“ verstanden und dienen als Katalysatoren, verschiedene Themenkomplexe, die im theoretischen Werk Pierre Bourdieus angelegt sind, herauszuarbeiten.

Die nun erstmals um ihre fotografische Komponente ergänzten wegweisenden Feldforschungen Bourdieus bieten Einblick in den Status nascendi der Bourdieu’schen Soziologie. Neben dieser werkgeschichtlichen Dimension bleibt den Fotografien Bourdieus aber auch der Charakter eines beeindruckenden sozio-historischen Dokuments. Sie zeugen von einer gesellschaftlichen Welt voller Ungleichzeitigkeiten, deren Menschen auch heute noch nicht ihre Heimatlosigkeit und
Entwurzelung – eine Entfremdung gegenüber Tradition und Moderne zugleich – überwunden haben. Vielleicht liegt die hier zum Ausdruck kommende Tragik Algeriens ja gerade darin, dass die Fotografien auch nach vier Jahrzehnten nichts an Aktualität und Realismus eingebüßt haben.

Die Ausstellung wurde kuratiert von Christine Frisinghelli, Camera Austria, Graz, und Franz Schultheis, Fondation Pierre Bourdieu, Départment de Sociologie, Universität Genf.