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Es hat ganz den Anschein, dass sich das Werk von Lorenz Estermann
zu Beginn des neuen Dezenniums in Aufbruch befindet. Nicht Konsolidierung
und eventuelle Wiederholungen, sondern eine hellwache, doch keineswegs
ungestüme Öffnung sind die Merkmale einer schöpferischen
Situation, die nun schon beträchtliche Zeit im Sinne von Veränderung
und Erfahrungsgewinn anhält.
Der in Wien lebende, aus Linz stammende Künstler befindet sich
in einer Periode vielseitigen Experimentierens mit orthodoxen Mitteln.
Das lässt einerseits Vergleiche zu früheren Werkperioden
zu, andererseits aber auch die Chancen einer vielversprechenden
Weiterentwicklung, für die es seriöse Anhaltspunkte gibt.
Estermanns Oeuvre ist in hohen Maße ambivalent und relativierend.
Es ist Beispiel jenes beträchtlichen Teils zeitgenössischer
Kunst, der Kenntnisse, Intelligenz und Dialogfähigkeit als
Voraussetzungen gewinnbringender Kommunikation fordert. Das Gesehene
und Gedachte, Erahnte ergibt Anstöße und Sinnbilder einer
Werkaufnahme, in deren philosophischem Zentrum Skizze und Fragment
vor jedem Ganzen stehen.
Worum es heute geht, lässt sich aus der Balance von Andeuten
und Aussprechen erklären und als Spannungsverhältnis zwischen
Artikulierbarem und Unsichtbarem bezeichnen. Sachlage ist der komplexe
Aufeinanderprall von Wertigkeiten, die in ihrem großen Beziehungsgeflecht
nicht immer absolut, sondern sehr oft bloß bedingt aufgenommen
werden.
Estermann liefert die diesbezüglichen Vorgaben verhalten, zurückhaltend.
Punkto Stilistik und Technik legt er sich momentan kaum fest und
wechselt zwischen Möglichkeiten, die einem vielfach aus der
jüngeren Entwicklungsgeschichte der Malerei und Zeichnung vertraut
sind. Tektonische Addition und die Transparenz der Fläche,
Schema und Spur, Lineament und Metapher, Skripturales, Emblem und
realitätsbezogene Frottage sind dabei nur einige der vielen
Anhaltspunkte uns Assoziationen, die sich spontan einstellen. Der
sensiblen Zeichnung auf chamoisfarbenen Untergrund, weich abgegrenzt
in deutlich ausnehmbaren Rechtecken (Abb. 1), steht andernorts präzise,
farblich zurückgenommene Flächenordnung gegenüber.
Wo dies in ebenso prägnanter wie feinnerviger Art und Weise
geschieht wie z.B. im Falle unserer Katalognummer (?) (Abbildung
Seite...), entsteht Schlüssigkeit, Ausgewogenheit und ein auf
irritierender Balance gegründetes Spannungsverhältnis.
Graphisches Kalkül und die eher vorgegebene als tatsächlich
vorhandene Beiläufigkeit bilden wiederholt Synthesen auf großformatigen
Papierarbeiten, deren stoffliche Wirkung nicht zuletzt von den verwendeten
Techniken unter oftmaliger Dominanz differenziert genutzter Ölmalerei
abhängt.
Estermann macht deutlich, dass das Bild zu wesentlichen Teilen im
Kopf des Betrachters entsteht, der Maler und Zeichner hingegen nur
Anregungen und Anlässe liefert. In seinem Fall sind diese freilich
gleichermaßen konkret wie bestimmt und in jenem Maße
hochgradig virulent, dass den Rezipienten in allen seinen Sinnen
aktiviert.
Peter Baum
Kalkül, Emotion und Metapher
Zu neuen Arbeiten von Lorenz Estermann
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