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Lorenz Estermann

 KUNSTHANDEL FEICHTNER &
 MIZRAHI

 3.5. -3.6. 2000

 

Vernissage: 2.5. 2000


Es hat ganz den Anschein, dass sich das Werk von Lorenz Estermann zu Beginn des neuen Dezenniums in Aufbruch befindet. Nicht Konsolidierung und eventuelle Wiederholungen, sondern eine hellwache, doch keineswegs ungestüme Öffnung sind die Merkmale einer schöpferischen Situation, die nun schon beträchtliche Zeit im Sinne von Veränderung und Erfahrungsgewinn anhält.
Der in Wien lebende, aus Linz stammende Künstler befindet sich in einer Periode vielseitigen Experimentierens mit orthodoxen Mitteln. Das lässt einerseits Vergleiche zu früheren Werkperioden zu, andererseits aber auch die Chancen einer vielversprechenden Weiterentwicklung, für die es seriöse Anhaltspunkte gibt.
Estermanns Oeuvre ist in hohen Maße ambivalent und relativierend. Es ist Beispiel jenes beträchtlichen Teils zeitgenössischer Kunst, der Kenntnisse, Intelligenz und Dialogfähigkeit als Voraussetzungen gewinnbringender Kommunikation fordert. Das Gesehene und Gedachte, Erahnte ergibt Anstöße und Sinnbilder einer Werkaufnahme, in deren philosophischem Zentrum Skizze und Fragment vor jedem Ganzen stehen.
Worum es heute geht, lässt sich aus der Balance von Andeuten und Aussprechen erklären und als Spannungsverhältnis zwischen Artikulierbarem und Unsichtbarem bezeichnen. Sachlage ist der komplexe Aufeinanderprall von Wertigkeiten, die in ihrem großen Beziehungsgeflecht nicht immer absolut, sondern sehr oft bloß bedingt aufgenommen werden.
Estermann liefert die diesbezüglichen Vorgaben verhalten, zurückhaltend. Punkto Stilistik und Technik legt er sich momentan kaum fest und wechselt zwischen Möglichkeiten, die einem vielfach aus der jüngeren Entwicklungsgeschichte der Malerei und Zeichnung vertraut sind. Tektonische Addition und die Transparenz der Fläche, Schema und Spur, Lineament und Metapher, Skripturales, Emblem und realitätsbezogene Frottage sind dabei nur einige der vielen Anhaltspunkte uns Assoziationen, die sich spontan einstellen. Der sensiblen Zeichnung auf chamoisfarbenen Untergrund, weich abgegrenzt in deutlich ausnehmbaren Rechtecken (Abb. 1), steht andernorts präzise, farblich zurückgenommene Flächenordnung gegenüber. Wo dies in ebenso prägnanter wie feinnerviger Art und Weise geschieht wie z.B. im Falle unserer Katalognummer (?) (Abbildung Seite...), entsteht Schlüssigkeit, Ausgewogenheit und ein auf irritierender Balance gegründetes Spannungsverhältnis. Graphisches Kalkül und die eher vorgegebene als tatsächlich vorhandene Beiläufigkeit bilden wiederholt Synthesen auf großformatigen Papierarbeiten, deren stoffliche Wirkung nicht zuletzt von den verwendeten Techniken unter oftmaliger Dominanz differenziert genutzter Ölmalerei abhängt.
Estermann macht deutlich, dass das Bild zu wesentlichen Teilen im Kopf des Betrachters entsteht, der Maler und Zeichner hingegen nur Anregungen und Anlässe liefert. In seinem Fall sind diese freilich gleichermaßen konkret wie bestimmt und in jenem Maße hochgradig virulent, dass den Rezipienten in allen seinen Sinnen aktiviert.

Peter Baum
Kalkül, Emotion und Metapher
Zu neuen Arbeiten von Lorenz Estermann